Baby Jail ist eine Zürcher Band, deren Lieder in den frühen 90er-Jahren Kult-Status erlangten, weil sie typische Züge der Schweizer Mentalität auf’s Korn nahmen. Ich brauche Baby Jail wohl nicht vorzustellen – alle DeutschschweizerInnen kennen ihre Hits wie «Tubel Trophy» oder «Zum Glück». Sie trafen damals den Nerv der Zeit.
Jetzt, 20 Jahre später gehen sie auf Reunion Tour und machten dabei heute Abend Halt an den Winterthurer Musikfestwochen. Es war ein schönes Gratis-Konzert auf dem überfüllten Kirchplatz. So weit so gut. Doch dann rächte sich die Bünzli-Mentalität, als um Punkt 22 Uhr die Mikrofone abgedreht wurden, so dass Baby Jail das letzte Lied «Zum Glück» unverstärkt spielen mussten. Es wäre 2 Minuten gegangen. Come on, spielt es eine Rolle, ob die Nachtruhe um 22:00 oder 22:02 beginnt?
Aber das ist eben auch typisch für die Schweiz: Regeln werden eingehalten. Punkt.
Etwas frustriert, um den krönenden Abschluss des Baby Jail-Konzerts betrogen worden zu sein, beschloss ich, mir im Migrolino ein einzelnes Bier zu kaufen und diesen Blogpost zu schreiben. – Doch wieder Fehlanzeige: Um 22:11 wurde mir mitgeteilt, dass nach 22 Uhr kein Alkohol mehr verkauft werden dürfe. Ich insistierte, es sei ja noch nicht mal Viertel nach. – Egal, auch kurz nach 22 Uhr sei nach 22 Uhr. Regeln werden eingehalten. Punkt.
Es ist erstaunlich, mit welcher Konsequenz in der Schweiz Regeln eingehalten werden. Ein weiteres Beispiel: Letzthin sass ich im Zug im unbewirteten Speisewagen. Ein junges Paar kam vorbei. Sie wollte sich an einen der reichlich vorhandenen leeren Plätze im Restaurant setzen, doch er drängte sie weiterzugehen. Mit mitgebrachten Getränken könnten sie doch sicher nicht ins Restaurant sitzen. – Ich musste schmunzeln. Wenn der Speisewagen bewirtet ist, dann ist diese Regel sinnvoll. Dass selbst junge SchweizerInnen diese Regel einhalten, wenn es nicht mal erforderlich ist, hat mich doch überrascht.
Auch wenn ich diese strenge Regeleinhaltung in diesen konkreten Fällen für übertrieben und leicht lächerlich halte, so weiss ich doch, dass das Leben in der Schweiz genau aus diesem Grund so gut funktioniert und relativ reibungslos verläuft. Wir halten uns an Regeln, die wir im öffentlichen Diskurs ausgehandelt haben und zum Zweck haben, die legitimen Ansprüche anderer Menschen zu schützen. Wow, da leuchten die Augen der politischen Philosophin und es kommen ihr Freundentränen. Diese Art von Regelbefolgung erscheint zunächst eher unwahrscheinlich, da die Leute auf eine Weise handeln, die für sie weniger einfach und und weniger vorteilhaft ist: Die Veranstalter der Musikfestwochen und die Verkäuferinnen im Migrolino machen sich nicht gerade populär, indem sie punktgenau im Vorfeld getroffene Abmachungen durchsetzen. Und trotzdem handeln sie entsprechend der Regeln. Es ist Teil der Schweizer politischen Kultur, dass dies die Regel und nicht die Ausnahme darstellt.
Das einzige, was mich daran stört, ist der leichte Hang zum Zwanghaften, der in dieser überaus pflichtbewussten Regelbefolgung mitschwingt. Haben wir dieses Laufgitter wirklich nötig? Oder sind wir erwachsen genug, um uns darauf zu einigen, dass eine Nachtruhe um 22:02 dem Sinn der Vereinbarung immer noch genau genug entspricht?